Wer durch die Kölner Innenstadt geht, läuft buchstäblich über fast zwei Jahrtausende Geschichte. Unter dem Pflaster der Altstadt liegen die Mauern einer römischen Kolonie, am Roncalliplatz steht mit dem Dom das Wahrzeichen einer ganzen Region, und dort, wo heute die Ringe einen weiten Bogen schlagen, stand jahrhundertelang die größte Stadtmauer Europas.
Der Stadtbezirk Innenstadt trägt in Köln die Nummer 1, und das zu Recht. Hier begann alles. Diese Chronik führt von der römischen Gründung des Jahres 50 n. Chr. über die freie Reichsstadt und die Vollendung des Doms bis zu den Großprojekten, die das Zentrum gerade neu sortieren.
- Römische Gründung: Aus dem Oppidum wird die CCAA
- Mittelalter: Die größte Stadtmauer Europas
- 1248: Der Grundstein für den Dom
- 1288: Die Schlacht von Worringen
- Freie Reichsstadt und Verbundbrief
- 1880: Vollendung des Doms nach 632 Jahren
- Ab 1881: Abriss der Mauer, Neustadt und Ringe
- 1888: Deutz kommt zu Köln
- Zweiter Weltkrieg: Zerstörung und Wiederaufbau
- 1975: Die Innenstadt wird Stadtbezirk Nr. 1
- Ausblick: Historische Mitte, Via Culturalis und MesseCity
- Quellen
Römische Gründung: Aus dem Oppidum wird die CCAA
Die Geschichte der Kölner Innenstadt beginnt nicht mit einer mittelalterlichen Bürgerstadt, sondern mit Rom. Auf dem Gebiet der heutigen Altstadt lebten zunächst die germanischen Ubier, die sich in römischen Diensten am linken Rheinufer ansiedelten. Aus ihrem Hauptort wurde unter Kaiser Augustus das Oppidum Ubiorum.1
Den entscheidenden Schub gab eine Frau, die hier geboren wurde: Agrippina die Jüngere, Gattin des Kaisers Claudius. Sie setzte durch, dass ihr Geburtsort im Jahr 50 n. Chr. zur römischen Kolonie erhoben wurde. Der Name lautete Colonia Claudia Ara Agrippinensium, kurz CCAA. Aus dem ersten Wort, Colonia, wurde über die Jahrhunderte schlicht Köln.2
Der Name steckt noch heute im Stadtkern
Colonia, die römische Kolonie, lebt im heutigen Stadtnamen weiter. Die CCAA wurde Hauptstadt der Provinz Germania inferior, im 2. und 3. Jahrhundert lebten hier rund 20.000 Menschen. Der Verlauf der römischen Stadtmauer ist im Straßennetz der Altstadt bis heute ablesbar.
Mittelalter: Die größte Stadtmauer Europas
Nach dem Ende der Römerherrschaft blieb Köln Bischofssitz und wuchs im Hochmittelalter zur größten Stadt nördlich der Alpen. Der wirtschaftliche und religiöse Aufstieg sprengte den römischen Mauerring. Am 27. Juli 1180 sanktionierte Erzbischof Philipp von Heinsberg den Bau einer neuen, weit größeren Stadtbefestigung, die bis dahin gegen sein Verbot begonnen worden war.3
In den folgenden rund sechs Jahrzehnten wuchs die ummauerte Fläche von etwa 204 auf rund 403 Hektar. Nach ihrer Fertigstellung galt die Kölner Stadtmauer mit 52 Türmen und 12 Toren als das größte Befestigungswerk Europas. Reste dieser Anlage, etwa die Eigelsteintorburg, die Hahnentorburg und die Severinstorburg, stehen bis heute an den Sehenswürdigkeiten der Innenstadt.4
1248: Der Grundstein für den Dom
Am 15. August 1248 legte Erzbischof Konrad von Hochstaden den Grundstein für den gotischen Kölner Dom. Erster Dombaumeister war Meister Gerhard, der sich an den modernsten gotischen Kathedralen Nordfrankreichs orientierte. Anlass für den ehrgeizigen Neubau war auch die Verehrung der Gebeine der Heiligen Drei Könige, die seit 1164 in Köln lagen und die Stadt zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte des Abendlandes machten.5
Der Bau zog sich über Jahrhunderte. 1560 stellte das Domkapitel die Arbeiten ein, vermutlich aus Geldmangel. Mehr als 280 Jahre lang ragte nur ein unfertiger Torso mit dem berühmten Baukran auf dem Südturm in den Himmel über der Altstadt.6
1288: Die Schlacht von Worringen
Das mittelalterliche Köln war kein friedlicher Ort. Über Jahrzehnte rangen die Bürger mit ihrem Stadtherrn, dem Erzbischof, um die Macht. Die Entscheidung fiel am 5. Juni 1288 in der Schlacht von Worringen, nördlich der Stadt. Köln schlug sich auf die Seite Herzog Johanns I. von Brabant gegen Erzbischof Siegfried von Westerburg.7
Die Kölner erkämpften bei Worringen ihre Freiheit von der erzbischöflichen Herrschaft.
Der Erzbischof verlor nach seiner Niederlage die weltliche Herrschaft über die Stadt und musste seine Residenz aus Köln verlegen. Die Stadt erlangte damit de facto den Status einer Freien Reichsstadt.7
Freie Reichsstadt und Verbundbrief
Die innere Verfassung der Stadt regelte 1396 der Verbundbrief, eine Art Grundgesetz, das die alte Geschlechterherrschaft beendete und die Macht den Zünften und Gaffeln übertrug. Köln wurde zu einer der größten und reichsten Städte des Reiches, mit Fernhandel, Stapelrecht und einer Universität, die 1388 gegründet wurde.8
Die rechtliche Anerkennung als Freie Reichsstadt zog sich hin. Erst 1475 bestätigte Kaiser Friedrich III. den Status förmlich, den Köln seit Worringen faktisch besaß. Bis zum Ende des Alten Reiches und der französischen Besetzung 1794 blieb die Stadt reichsunmittelbar.8
1880: Vollendung des Doms nach 632 Jahren
Mit der Romantik und dem preußischen Interesse an der Gotik kam der Dombau zurück. 1842 legte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. den Grundstein für die Weiterführung. Unter Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner und seinen Nachfolgern wuchs der Bau in den folgenden Jahrzehnten nach den erhaltenen mittelalterlichen Plänen empor.9
1880 war es so weit. Nach insgesamt 632 Jahren Bauzeit wurde der Kölner Dom feierlich vollendet. Mit rund 157 Metern Höhe war er für kurze Zeit das höchste Gebäude der Welt und ist bis heute das Wahrzeichen der Innenstadt und der gesamten Region.9
632 Jahre Bauzeit
Vom Grundstein 1248 bis zur Vollendung 1880 vergingen mehr als sechs Jahrhunderte, davon allein 282 Jahre Baustillstand zwischen 1560 und 1842. Der Dom ist seit 1996 UNESCO-Welterbe und mit Abstand das meistbesuchte Bauwerk Deutschlands.
Ab 1881: Abriss der Mauer, Neustadt und Ringe
Im 19. Jahrhundert platzte Köln aus allen Nähten. Die mittelalterliche Stadtmauer, jahrhundertelang Schutz, war zur Fessel geworden. 1881 begann der Abriss der Befestigung, um Platz für die Stadterweiterung zu schaffen.10
Auf dem Mauerring entstand die rund sechs Kilometer lange Prachtstraße der Kölner Ringe, ein weiter Boulevard mit großzügigen Plätzen an den Kreuzungen. Im Halbkreis dahinter legte die Stadt nach Plänen des Stadtbaumeisters Josef Stübben ab 1881 die Neustadt an, die bis etwa 1910 bebaut wurde. Sie bildet heute die Stadtteile Neustadt-Nord und Neustadt-Süd mit zusammen den bevölkerungsreichsten Quartieren des Bezirks.10
1888: Deutz kommt zu Köln
Bis 1888 war die Innenstadt eine rein linksrheinische Angelegenheit. Das änderte sich mit der großen Eingemeindung dieses Jahres, bei der unter anderem Deutz am rechten Rheinufer zu Köln kam, gegen den erklärten Widerstand großer Teile der dortigen Bevölkerung.11
Deutz hat selbst eine römische Vorgeschichte als Kastell Divitia, das um 310 n. Chr. unter Kaiser Konstantin angelegt und über die erste feste Rheinbrücke mit der Colonia verbunden wurde. Seit 1888 gehört der einst eigenständige Ort zum Stadtkern und ist heute der einzige rechtsrheinische Stadtteil des Bezirks Innenstadt.11
Zweiter Weltkrieg: Zerstörung und Wiederaufbau
Im Zweiten Weltkrieg wurde Köln 262 Mal aus der Luft angegriffen, häufiger als jede andere deutsche Stadt. Die "1000-Bomber-Nacht" vom 30. auf den 31. Mai 1942 zerstörte rund 13.000 Häuser und machte über 45.000 Menschen obdachlos. Der schwerste Angriff, der sogenannte Peter-und-Paul-Angriff am 29. Juni 1943, forderte rund 4.400 Tote.12
Bei Kriegsende 1945 waren etwa 95 Prozent der Bebauung der Innenstadt innerhalb der Ringe zerstört. Die Altstadt lag zu rund 90 Prozent in Trümmern, die Neustadt zu rund 80 Prozent. Köln war eine Geisterstadt geworden.12
95 Prozent der Innenstadt innerhalb der Ringe waren 1945 zerstört.
Der Wiederaufbau begann unmittelbar nach dem Krieg und zog sich bis in die 1990er Jahre, als mit St. Kunibert die letzte der zwölf großen romanischen Kirchen wiederhergestellt war. Die Planer entschieden sich, den mittelalterlichen Kern weitgehend nach dem alten Stadtgrundriss wiederaufzubauen. Viele enge Gassen der Altstadt blieben so erhalten.13
1975: Die Innenstadt wird Stadtbezirk Nr. 1
Lange war "Innenstadt" nur ein umgangssprachlicher Begriff für den historischen Kern. Im Zuge der kommunalen Neugliederung in Nordrhein-Westfalen erhielt der Bereich am 1. Januar 1975 seine heutige Form. Köln wurde in neun Stadtbezirke gegliedert, und die Innenstadt bekam die Nummer 1.14
Der Stadtbezirk umfasst seither fünf Stadtteile auf rund 16,4 Quadratkilometern: Altstadt-Nord, Altstadt-Süd, Neustadt-Nord, Neustadt-Süd und das rechtsrheinische Deutz. Ende 2023 lebten hier rund 127.900 Menschen, was eine sehr hohe Bevölkerungsdichte ergibt.15
Die fünf Stadtteile der Innenstadt (Einwohner Ende 2023)
Neustadt-Süd rund 37.500, Neustadt-Nord rund 28.500, Altstadt-Süd rund 27.700, Altstadt-Nord rund 18.500 und Deutz rund 15.600. Mehr Zahlen in unserer Statistik zur Innenstadt.
Ausblick: Historische Mitte, Via Culturalis und MesseCity
Die kommenden Jahre werden die Innenstadt sichtbar verändern. Mehrere Großprojekte greifen ineinander, links- wie rechtsrheinisch.
Rund um den Dom entsteht mit der Historischen Mitte ein neues Ensemble, das das Kölnische Stadtmuseum und das Römisch-Germanische Museum baulich neu fasst. Die Via Culturalis soll als kulturelle Achse die Bauwerke zwischen Dom und St. Maria im Kapitol städtebaulich verbinden und aufwerten.16
Auf der rechten Rheinseite wächst in Deutz die MesseCity Köln mit Büros, Hotels und Wohnungen direkt am Bahnhof Köln Messe/Deutz. Parallel modernisiert die Koelnmesse mit dem Programm Koelnmesse 3.0 ihr Gelände, und im Deutzer Hafen soll ein neues Quartier mit Wohnraum für mehrere Tausend Menschen und ähnlich vielen Arbeitsplätzen entstehen.17
Begleitet wird das alles von der Stadtstrategie Kölner Perspektiven 2030+, mit der die Stadt ihr Zentrum klimafreundlicher, grüner und lebenswerter machen will. Was sich nicht ändert, ist die Lage am Strom. Der Rhein, einst Grenze und Lebensader der Colonia, bleibt der Anker für die nächsten Kapitel der Innenstadt.